Sonntag, 17. August 2014

Rezension: Esst endlich normal von Udo Pollmer

Das Buch "Esst endlich normal" von Udo Pollmer hat mich stark beeindruckt, mehr als jedes andere Buch zum Thema Ernährung und Abnehmen. In vielen Dingen bezüglich natürlichem Essen hat es mich bestätigt, in anderen Dinge total überrascht und mir einen anderen Blick auf Übergewicht gegeben. Die folgende Rezension ist meine (subjektive) Meinung zu diesem Buch. Sie muss nicht jedem passen, aber ich empfehle doch jedem, dieses Buch einmal zur Hand zu nehmen und sich eine eigene Meinung zu bilden.

Der Autor Udo Pollmer ist Lebensmittelchemiker, wissenschaftlicher Leiter des Vereins "Europäisches Institut für Lebensmittel und Ernährungswissenschaften e.V." und bekannt für seine Polemik in wissenschaftlichen Diskussionen. In 8 Kapiteln geht er zu folgenden Themen ein: eine Übergewichtsepidemie, die es gar nicht gibt, kulturelle Einflüsse auf unser Schönheitsbild, die natürliche Regulierung des Körpergewichts, Ursachen für Übergewicht, Übergewicht als angeblicher Risikofaktor, der Krieg gegen das Fett und Schlüsse gegen die Schlankheitsdiktatur.


Die Thesen des Autors sind:
1. Der von Wirtschaft, Ernährungsexperten, Medien und Politikern veranstaltete Diätzirkus sorgt nicht dafür, dass die Menschen schlanker und gesünder werden, sondern dicker.
2. Zwar zeigt sich ein Anstieg an übergewichtigen Menschen, von einer Epidemie kann jedoch keine Rede sein. 
3. Der ständige Druck zum Abnehmen sorgt stattdessen dafür, dass nicht nur dank Jojo-Effekt immer mehr Menschen dicker werden, sondern vor allem immer mehr Menschen an Essstörungen leiden.
4. Übergewicht ist kein Risikofaktor für Krankheiten.
5. Übergewicht hat mit fehlendem Sport und Ernährung wenig zu tun.

Wie untermauert Pollmer nun diese Thesen? 

These 1
Vor allem das (sehr dünne) dargestellte Bild in Medien sorgt dafür, dass wir uns an schlanke, zum Teil auch zu dünne Menschen gewöhnen und diese durch häufiges Sehen als schön bezeichnen. Je mehr dieses Bild aber von der Realität in der Bevölkerung abweicht, desto unzufriedener sind die Menschen mit ihren eigenen Körpern. Auch führen zu wenig beleibte Menschen in den Medien dazu, dass es uns im Alltag so vorkommt, als würde es von ihnen mehr und mehr geben. Auch die Modeszene sorgt für große, schlanke Frauen als Vorbild. Pollmer gibt zu Bedenken, dass dies durch schwule Modeschöpfer kommt, die andere Vorstellungen von einem erotischen Frauenkörper haben, als heterosexuelle Männer, mit ihrem Tun aber Millionen von Frauen prägen. 
Des weiteren schlägt er eine Brücke zum Christentum, eine Entsagungs- und Erlösungsreligion, in der schön häufig menschliche Triebe (wie Sexualität) hinter religiöse Vorstellungen gestellt werden. So auch das Essen. Statt das Essen (und damit auch das Leben) zu genießen, solle lieber gefastet und verzichtet werden. 
Und so sorgen vor allem Diäten dafür, dass übergewichtige Personen immer dicker werden, da sich der Körper nach jeder Diät (= Hungersnot) noch ein paar extra Kilos zum Schutz dazu packt. 

These 2
Mit verschiedenen Studien zeigt er, dass es zwar einen leichten Anstieg von übergewichtigen Kindern in der Bevölkerung gibt, dies aber nur in einem kleinen Ausmaß, welches das Wort Epidemie (griechisch: Krankheiten, im Volk verbreitet) nicht rechtfertigt. So kann dieser Anstieg auch durch vermehrte Kinder mit Migrationshintergrund, welche meist "stämmiger" als deutsche Kinder seien, erklärt werden. Auch Definitionen können helfen, "eine Epidemie aus dem Hut zu zaubern", in dem man beispielsweise Übergewicht von einem BMI 30 auf plötzlich 25 absenkt und dadurch über Nacht Millionen Menschen zu "Kranken" macht. (Ähnlich auch bei der Definition von Diabetes erfolgt.) Dazu ist die Einteilung von "Übergewichtigen" vollkommen willkürlich. Bei der Idealtypischen Normalverteilung gibt es wenig dünne, ein großes Mittelfeld und auch dicke dünnen sich nach oben hin aus. Die dicksten drei Prozent werden in Deutschland als adipös (fettleibig) klassifiziert. In den USA sind es dagegen die dicksten fünf Prozent. Dabei sagt dies nichts darüber aus, ob die Kinder gesund oder krank sind. 
Außerdem zeigt er, wie haarsträubend damals der BMI durch Versicherungsvertreter erstellt wurde, der heute noch in vielen Bereichen das Nonplusultra darstellt. 

These 3
Durch Schönheitsbilder in den Medien werden Kinder immer unzufriedener mit ihrem Körper. Studien zeigen, dass bereits mehr als ein Drittel der Schülerinnen auf Gymnasien schon Anzeichen für Essstörungen zeigen.

These 4
Studien zeigen, nach dem BMI (25-30) klassifizierte Übergewichtige haben nicht nur ein geringeres Krebsrisiko, sondern auch ein geringeres Sterberisiko als normalgewichtige Personen. Ähnlich sieht es bei Herzkreislauferkrankungen und Diabetes aus.
Übergewicht kann manchmal Symptom eines Ungleichgewichts sein, vielleicht auch einer Krankheit, aber Übergewicht ist niemals die Krankheit selbst. - Seite 198

These 5
Die meisten haben auf natürlich Schlanke, die essen können, was sie wollen und nicht zunehmen, die Ansicht, dass das die Gene sind und entschuldigen damit diesen Zustand. Bei Dicken wird dagegen meist unterstellt, dass sie zu viel essen. Aber auch hier können häufige Geneffekte oder andere Erkrankungen die Ursache sein, welche häufig noch nicht ausreichend erforscht sind. Wie hoch der Anteil des Erbgutes beim Körpergewicht ausmacht, wird von Wissenschaftlern zwischen 40 und 90% geschätzt. Auch hat jeder Körper seinen eigenen Setpoint, ein Art körpereigenes Idealgewicht, dass er gegen Ab- und Zunahmeversuche verteidigt. Pollmer widerspricht auch der Fasstheorie, nach dem man als Output das rausbekommt, was man als Input reingegeben hat. Würden alle übergewichtigen nur noch die Hälfte essen, müssten sie nach dieser Theorie alle abnehmen. Doch genau das passiert nicht. Stattdessen hat der Körper seinen eigenen Thermostat, in dessen Regulierung nicht einfach eingegriffen werden kann. 
Auch Ernährungswissen und Essgewohnheiten sorgen nicht für schlanke oder dicke Menschen, welches gut an einer Studie mit Pflegekindern gezeigt werden kann. 

Woher kommt dann das Übergewicht bei Personen?

  • genetisch bedingte Faktoren / Setpoint
  • Erkrankungen 
  • Stress (hohe Cortisolkonzentration im Blut)
  • mehr als einstündiger Fernsehkonsum pro Tag
  • fehlendes Tageslicht


Meine Gedanken
Diese Zusammenfassung ist nur ein kleiner Auszug und ich kann meine Empfehlung nur wiederholen, lest das Buch! Während des Lesens ist mir nämlich eine Sache aufgefallen: In vielen Bereichen der Wissenschaft gibt es zwei oder mehrere Ansichten. Schon beim Nutzen von Stretching gibt es Befürworter und Gegner. Warum ist das beim Thema Übergewicht, Abnehmen und Sport nicht so? Warum will mir jede Fitnesszeitschrift vorschreiben, welches Gemüse ich essen soll und wieso bekommt man auf Instagram ständig das Credo, man ist selbst seines Glückes Schmied und jeder kann den Körper erreichen, den er sich wünscht. Nach diesem Buch glaube ich nicht mehr daran. Jeder Körper ist anders und es wird Menschen geben, die nur mit lebensqualitätseinbüßender Kasteiung einen schlanken Körper halten können. Aber nur weil Menschen übergewichtig sind, sind sie keine Menschen zweiter Klasse. Aber genau das wird in unserer Welt vorgelebt. Dicke sind ekelhaft, faul, belasten das Gesundheitssystem und sind vor allem an ihrem Fettsein selbst schuld. Und genau das denke ich nicht! Udo Pollmer zeigt auf, dass Übergewicht viele Ursachen hat und dass dies auch gar nicht schlecht sein muss. Dicke leben länger und jeder Mensch ist einzigartig. Deshalb sollten wir jedem Wertschätzung entgegenbringen, egal welches Gewicht sie haben. 
Faszinierend fand ich auch die Einteilung von Übergewicht. Das wäre, wie wenn man die 5% der größten Menschen als zu groß einstufen würde. Vollkommen irrational. Erschreckend dagegen fand ich, in welchem großen Zusammenhang Wissenschaftler und Wirtschaft leben und welche schockierenden "Fehler" bei Studien entstehen, die dann schlimme, aber eben falsche Ergebnisse liefern. 
Pollmers Forderung, bei Diäten aller Art einen Warnhinweis "Achtung, Diäten machen dick" zu vergeben, kann ich nur voll unterstützen.

Meine Kritik
Der Autor geht manchmal etwas zu lapidar ans Werk. Und natürlich muss er sich die Kritik gefallen lassen, dass er sich selbst sicher auch vor allem Studien rausgesucht hat, die andere Studien entkräften. Es ist zwar toll, dass man auch einmal eine ganz andere Sichtweise auf das Thema erhält, andererseits fehlt mir die Nähe zum Leser. Was sollen Übergewichtige denn machen, die unter ihren Kilos nicht nur psychisch sondern eben auch physisch leiden? Einfach jetzt akzeptieren, dass sie dick sind, dafür aber länger leben? Und was ist mit Leuten, die komplett verlernt haben, auf Signale wie Appetit, Hunger und Sättigungsgefühl zu achten. Darauf geht er mir zu wenig ein. 

Was ich aus dem Buch mitnehme?
Das erste was ich nach dem Lesen gemacht habe, war zum Abendbuffet zu gehen und so viele süße Törtchen zu essen, wie ich wollte. Letztlich habe ich gar nicht alle geschafft. Und nach meinem Urlaub habe ich als erstes meine Waage weggestellt. Ich will meinen Körper nicht mehr nach Gewicht definieren. Auch will ich so wenige Einflüsse wie möglich auf meine Ernährung zulassen. Das bedeutet nicht nur keine Diäten, sondern mich auch nicht mehr von anderen beeinflussen lassen, die mir mein Leberwurstbrot madig machen wollen. Ich esse, was ich will und höre nur auf meinen Körper, denn der weiß am besten, was ich brauche.
Auch finde ich, dass man Unternehmen und Medien unterstützen sollte, die ein normales Körperbild propagieren, wie beispielsweise Dove und dagegen Modeblättchen, bei denen schon auf Zeichnungen Frauenbeine dünner als die Arme dargestellt werden, einfach mal links liegen zu lassen. Ich habe tatsächlich auch schon darüber nachgedacht, meine Fitnesszeitschriften (Woman´s Health, Shape und Fit For Fun) rauszuwerfen. Aber erst einmal schaue ich mich in den Niederlanden um, was es da so gibt. 
Welche Tipps ich definitiv aus dem Buch für ein gesundes (körpereignes) Idealgewicht mitnehme, sind Stressreduzierung durch Sport, geringer Fernsehkonsum und auch ein Mehr an der frischen Luft.

Als Einstieg empfehle ich diesen Artikel in der Zeit von 2013.

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